Sonntag, 14. Dezember 2014

Wann hat Gott aufgehört zu wirken?

Gerhard Wagner, 2009 als Weihbischof in Linz vorgesehen, dann aber wegen anhaltender Proteste aus allen Teilen des Kirchenvolkes um Dispenz von der Pflicht, das Amt anzutreten, erfolgreich eingekommen, hat ein Buch geschrieben, in dem er mit allen Übeln, die ihm wiederfahren sind, abrechnet.

Vorwürfe, die ihm (laut Wikipedia-Eintrag) seinerzeit gemacht wurden, z.B. „Abgrund an menschlicher Ignoranz und theologischer Inkompetenz“ oder „theologisch unhaltbare Kommentierung von Naturereignissen“ entzünden sich z.B. an der in seinem Pfarrbrief veröffentlichten Bemerkung „Der Hurrikan ‚Katrina‘ hat [...] nicht nur alle Nachtclubs und Bordelle vernichtet, sondern auch alle fünf (!) Abtreibungskliniken. [...] Wussten Sie, dass 2 Tage danach die Homo-Verbände im französischen Viertel eine Parade von 125.000 Homosexuellen geplant hatten? Wie erst so langsam bekannt wird, sind die amoralischen Zustände in dieser Stadt unbeschreiblich.“ oder seiner Antwort auf die Frage, ob beim Erdbeben in Haiti ein strafender Gott am Werk war: „Das weiß ich nicht. Gott lässt sich nicht in seine Karten schauen. Aber es ist schon interessant, dass in Haiti 90 Prozent Anhänger von Voodoo-Kulten sind.

Zu Wagners Haiti-Kommentar ließ die Diözese Linz verlauten, Naturkatastrophen heute „mit einem Strafhandeln des Schöpfergottes“ in Verbindung zu bringen wäre „Ausdruck einer geradezu zynischen, fundamentalistischen Bibelinterpretation“.

Hm, in der Tat schreibt die Bibel die Vernichtung Sodoms oder das Ende der ägyptischen Armee in den Fluten des Roten Meeres dem Handeln Gottes zu. Und berichtet zudem von anderen unglaublichen Dingen, wie Schöpfung oder Auferstehung. Und auch andere zeitgenössische Autoren fragen sich, ob es bei der Vorstellung, Gott handele in der Geschichte, um einen „Skandalösen Realismus“ handele.

Dass die im Klappentext angesprochenen „aufgeklärten Europäer“ ihre Zweifel bei Schöpfung und Jungfrauengeburt haben, mag ja angehen – dass das österreichische Episkopat aber in große Aufregung gerät, wenn jemand zu behaupten wagt, Gott wirke auch noch in unserer Zeit – naja, erstaunen tut es mich nicht, aber gut finden kann ich es auch nicht. Wäre mal interessant zu erfahren, wie eine weniger zynische, fundamentalistische Bibelinterpretation den Schöpfungsbericht umdeutet. Vielleicht findet Herr Schönborn ja auch Keime des Guten in der Listigkeit der Schlange …

Kommentare:

  1. Wenn Gott wirklich Katrina nach New Orleans geschickt hätte, würde er da nicht alle katholischen, oder zumindest christlichen, nicht mit Schwangerschaftsabbrüchen befassten Einrichtungen, einschliesslich katholischer Pfarrhäuser, Kindergärten und Schulen, ausgenommen haben?
    Müssten dann nicht, zumindest gute, Katholiken gegen Naturkatastrophen wie ein Erdbeben in L'Aquila, den Tsunami im Indischen Ozean oder eine Springflut in Hamburg-Wilhelmsburg praktisch gefeit sein? Ach, ich vergass, die Freie und Hansestadt Hamburg hängt zwar nicht dem Vodooglauben an, aber protestantische Ketzer sind dort allemal zu Hause.
    Aber sonst? Man hat nichts über wundersame Errettungen katholischer Einrichtungen und Menschen vor Naturkatastrophen in New Orleans, L'Aquila, Haiti oder einem anderen Ort gehört oder gelesen. Was uns zu dem für alle Nichtkatholiken beruhigenden Schluss bringt, Gott wirkt NICHT durch Naturkatastrophen. Oder wir müssten wirklich hoffen, dass es so einen Zyniker auf dem Gottesthron, der alles ohne Ansehen pauschal alles niedermäht und in einer Tsunami-Sündflut ersäuft, wirklich nicht gibt.
    Mag sein, dass Gott in die Gesellschaft wirkt, aber das grösste Problem, das der Herr Pfarrer Wagner wieder einmal brutal ehrlich aufgezeigt hat, ist die Unterscheidung von Korrelation, Koinzidenz und Kausalität.

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  2. >>Was uns zu dem für alle Nichtkatholiken beruhigenden Schluss bringt, Gott wirkt NICHT durch Naturkatastrophen.<<

    Dann können wir ja aufatmen.....und auf die nächste Katastrophe hoffen, die an uns vorbei rauscht.

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  3. Keime des Guten in der Listigkeit der Schlange? "O felix culpa quae talem ac tantum meruit habere Redemptorem!"

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    1. :-) Interessanter Aspekt.
      Die offene Frage bleibt, ob die „bauartlich bedingt“ integrierte Erbschuld nicht ausreicht, um auch der Erlösung teilhaftig zu werden, oder ob man – wie der gegenwärtige Papst zu implizieren scheint – tatsächlich sündigen muss, um sich als Sünder zu erkennen.
      Deutlicher ist naklar das Versöhnungs-Mastkalb als das „alles, was mein ist, ist auch dein“ des Immer-beim-Herrn sein – aber wenn ich zu wählen vermöchte, nähme ich das Zweite.

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